Unliebbar
Über Sehnsucht, Systemdenken und das Gefühl, in einer vernetzten Welt allein zu sein.
Hallooo, fros Neus!
Ihr seid die Leute, die aus irgendeinem Grund hier abonniert haben. Überlegt es euch noch mal; dieser Post hier ist einfach nur schlechte Stimmung. Er dient einfach nur dazu, mir Gedanken von der Seele zu schreiben, weil diese sonst in meinem Kopf gefangen bleiben würden. Es wird abfällig, hoffnungslos, selbsthassend, fatalistisch, zynisch, von allem ein bisschen. Bad Vibes only.
Schlechte Stimmung warum?
Neujahr natürlich! Und im Gegensatz zu meinem Geburtstag und Weihnachten in den letzten Wochen habe ich heute gar nicht geweint, sondern nur viel zu lang die ganze Zeit gedacht ans Weinen. Aber natürlich nicht nur, d.h. den Hauptteil der Zeit habe ich logischerweise entweder gelächelt oder habe mich einfach meinem undurchdringlichen Pokerface bedient.
Letzte Nacht war ich mit zwei anderen bei einem Rave in Stockholm, definitiv gute Musik, geniale Anlage, in einer Location, die ich kenne und mag, und diverse Bekannte von damals waren auch da. Aber die Person, die seit mehreren Jahren meine größte Freundschaft überhaupt ist, hat seit kurzem eine neue Beziehung (d.h. mit den beiden war ich da) und die beiden sind super verliebt.
Und das Schlimme ist: Ich fühl mich kein bisschen von den beiden selbst romantisch angezogen, sondern es ist einfach nur ihr wunderschöner Liebesausdruck, der die Sehnsucht nach Romantik und Liebe in mir 1000-fach verstärkt. So, genau so wünsche ich es mir auch so sehr. Ich bin total glücklich für die beiden, da ich einfach sehe, wie gut die beiden zueinander passen und wie gut sie sich gegenseitig tun, aber ich habe es noch nicht geschafft, dieses wohlwollende Denken auch aufrecht zu erhalten, sondern stattdessen spiegelt mein Denken es nur derartig, dass es mir meine eigene Einsamkeit und Verlorenheit in dieser Welt dauernd ins Gesicht drückt.
Kuscheln, sanfte Küsse, schnurren, Umarmungen, die sich unendlich anfühlen. Warm und vertraut. Natürlich auch großartiger Sex. Ein Zuhause in Form eines anderen Menschen. Unsicherheiten einfach direkt ansprechen, offene Kommunikation. Über Gefühle reflektieren einfach als etwas Alltägliches. Vereinte Visionen, “united in purpose”. Einfach sein, keine Masken, keine Scham, keine Verurteilung. “Authentisch sein” als Form der Wertschätzung anstatt der Rebellion. Gedanken gemeinsam weiter verfolgen, anstatt immer nur Haken und Fehler und Kritik zu suchen.
Aber wieso ist das so unerreichbar? An sich bin ich ja bereits in den letzten Jahren viel in Kreisen gewesen, wo kreativer Selbstausdruck usw. total geschätzt werden. Aber selbst dort, in dieser Art “Community aus Außenseitern”, also wo eigentlich gerade Menschen, die sich ebenfalls lange als “zu weird” für die normale Gesellschaft gefühlt haben, ein Zuhause finden können, fühle ich mich inzwischen ebenfalls als Außenseiter. Eben weil ich der absolut einzige bin, der Wissen sowohl in Finanzen als auch IT hat, und dies gern für Non-Profit Projekte einsetzt. Alle anderen Leute zucken allein bei dem Wort “Buchhaltung” schon zusammen, aber bislang habe ich auch noch nie jemanden getroffen, für die/den das Wort Buchhaltung nicht komplett überwältigend war und die/den ich auch persönlich sympathisch gefunden hätte.
Hier ein konkreter Überblick über die drei Hauptpunkte, die mich, Stand heute, “unliebbar” machen:
Ich habe Informatik-Hintergrund, arbeite im Finanzbereich und ich finde Bürokratie und Wirtschaftssysteme spannend. Wahrscheinlich der größte Fluch meines Lebens. Jahrelang hat es mich gebraucht, bis ich von dem dualistischen Mainstream-Denken weggekommen bin und endlich meine eigenen Wege gegangen bin, abseits vom jede Menschlichkeit verrotten lassenden Mainstream. Aber der Virus der Bits und Bytes, des systemischen Denkens, des regelrecht krankhaften “optimieren Wollens” ist ein untrennbarer Teil von mir. Zumindest Arbeitnehmertum musste ich nie ertragen, und werde ich hoffentlich auch nie. Und heute versuche ich verzweifelt, etwas umzusetzen, was durchaus auf einer zivilisatorischen Ebene revolutionär sein könnte, vermutlich auch ziemlich gut funktionieren wird und wofür ich in meiner Firma extrem perfekte Voraussetzungen und viel Unterstützung habe, es auch live zu bringen (siehe Administration Is the Root Bug of Civilization), aber in Wahrheit fühl ich mich damit viel mehr wie das “hässliche Entlein”. Gerade inmitten all dieser Menschen (also meiner sonstigen Freunde), die alle irgendwie visuell oder musikalisch künstlerisch unterwegs sind und unfassbar viel echte Schönheit in die Welt bringen. Sie sind leidenschaftlich, im Flow, haben Hobby und Job vereint. Ich habe selbst auch Hobby und Job vereint, nur dass das Hobby eben Programmieren ist, sodass da natürlich jeder einen riesigen Bogen um mich machen wird, denn welche Nischen könnten mehr unsexy sein als Wirtschaft und Steuern? Die Kunst, die ich erschaffen will (also wirklich gut funktionierende administrative Systeme, zugänglich für alle), ist ja per Definition unsichtbar, und äußert sich also nur indirekt, durch beschleunigte Prozesse usw. Ich degradiere mich mit Absicht in den Hintergrund; will eigentlich gesehen werden (natürlich nur von den richtigen Menschen), aber weiß gar nicht, wo man da überhaupt anfangen würde. Ich weiß eben, dass das Programmieren durch meine inzwischen etwa 15-jährige Erfahrung meine einzig “bemerkenswerte” Fähigkeit ist (also was ich in einem professionellen Kontext einsetzen kann), und ich würde sie unfassbar gern für etwas einsetzen, das die Welt zum Besseren verändert. Mein Kernziel ist eben, mehr Menschen zum Erblühen zu bringen, um die Welt zu einem bunteren, vielfältigeren, dynamischeren Ort zu machen. Aber es ist auch genau die Fähigkeit, die einfach nur einsam macht. In meiner Firma gibts sowieso niemanden auf meiner Wellenlänge, da bin ich der einzige mit der Gesamtvision im Kopf und der MVPs umsetzt, und alle anderen machen nur Wartung oder Vertrieb. Egal wie sehr ich versuche, das ganze verständlich zu erklären, am Ende bleibt bei den anderen kaum mehr hängen als ein paar oberflächliche Slogans und mehr als nicken können sie nicht.
Sexuell gesehen bin ich so radikal anders, dass es hier noch viel unmöglicher scheint, dass es jemals Kompatibilität auf dieser Welt für mich gäbe. Ich mag es intensiv. Ich brauche mehr Körperkontakt, mehr Nähe, mehr Zärtlichkeit als andere. Während alle anderen einfach nur eiskalte, nicht selbst denkende Roboter sind, fühle ich tatsächlich und bin auch heutzutage kein bisschen schüchtern mehr, das auch zu zeigen. Was andere ekelhaft finden (bspw. Tränen, Schweiß, alles im Badezimmer), fühlt sich für mich wie der wunderschönste Vertrauensbeweis überhaupt an, einfach weil meine Liebe (und Geilheit) alles an der anderen Person umfassen würde, anstatt selektiv zu sein. Ich will lange, intensive, ekstatische Sessions, oder auch mal was Schnelles aus Spaß. Sex nicht ritualistisch oder auf Autopilot, sondern verspielt, auch mal herausfordernd, unendlich genießerisch, offen, versaut und, am wichtigsten, frei. Spielen in Grenzgebieten, die Gedanken sind frei. Sex nicht isoliert betrachten, sondern einfach als eine weitere Praxis, um unsere Körper zu lieben, und bei weitem nicht die einzige. Ein “künstlerisches” Artefakt von mir in diesem Zusammenhang, von vor ein paar Monaten, ist auch Hot Visionaries.
Und schließlich meine Ernsthaftigkeit. Ich liebe zwar Humor, aber wenn es an bestimmte Grundwerte geht, mache ich keine Ausnahmen oder Kompromisse. Ich bin sehr gut, manchmal fast zu gut, im Grenzen setzen. Ich sehne mich nach Commitment, etwas aufbauen, anstatt jemanden als temporäre Flucht aus der Realität zu sehen. Wenn ich mich austauschbar und ersetzbar fühle, setze ich sehr schnell Grenzen. Als ich vor ein paar Jahren die Kink-/Fetischszenen in Stockholm und Berlin entdeckt habe, habe ich schon diverse Erfahrungen gemacht, die ich nicht mehr missen möchte, aber das ist schon lange vorbei. Heute bleibe ich enthaltsam, was ich in meinem eigenen Kopf so gerechtfertigt habe, dass ich eben lieber keinen Sex habe als Sex ohne tiefes Vertrauen. Eine wirklich echte Freundschaft ist eben die Basis von allem. Sich gegenseitig zu versprechen, alle Hürden gemeinsam zu meistern, egal was.
Die eine Hälfte meines Denkens verurteilt mich bis auf den Tod, brüllt mir entgegen, wie dumm ich doch bin und lacht mich dafür aus, dass ich in den letzten Jahren meine Neugier nicht in Zaum halten konnte, die Büchse der Pandora geöffnet habe (nicht im Sinne von Krankheiten, sondern im Sinne von “so gut kann Leben sein”) und ich mir jetzt vorstelle, dass ich selbst ein erfülltes Leben verdienen würde. Ein Leben im unendlichen “scarcity mindset” (Mangeldenken), also immer nur “hahaha, niemand mag dich, du perverser Drecksack, so einsam und durstig, in deine sabbernde Fresse will man doch eh nur reinhauen, und je mehr du geierst, desto unattraktiver wirst du”. “Du bist doch sowieso nicht genug”, “Du wirst genau so einsam enden wie in deinen größten Alpträumen”, “Der dir auferlegte Bann kann sowieso nicht gebrochen werden” oder “Schrei doch, kümmert eh keinen”. Ist doch alles nur Jammern auf hohem Niveau, reiß dich mal am Riemen. “Zerstör dich doch einfach weiter, dann kannst du zumindest niemanden mehr enttäuschen.” “Wahrscheinlich wirst du eh irgendwann als Junkie in irgendeinem Rattenloch verrecken, dann ist dein krankes Gehirn zumindest noch als Madenfutter gut.” “unliebbar? Ich glaube es hackt, wirfst du jetzt all deine Prinzipien über Bord, bist du schon so tief gefallen?” Und erst recht, wenn ich so zynisch und negativ bin wie jetzt gerade, da mach ich doch schon erfolgreich alles falsch. Gut gemacht, Julian, wieder erfolgreich versagt! Und alles davon natürlich auch noch mal auf dem zig-sten Metalevel, immer einmal grausamer und verachtender als meine “gute”, stärkende, wohlwollende Stimme, immer noch mal einen weiteren bösen Gedanken eingeschoben wie ein “Blitz”, wie als würde man unkontrolliert mit einem dicken schwarzen Edding über ein schönes Gemälde krakeln und es absichtlich entstellen, einfach nur aus Drang zum Vandalismus im eigenen Geist. Immer und immer wieder versucht mein Geist, Kontrolle über den Schmerz zu erlangen, indem er ihn vorweg nimmt. Reflexion darüber in sich immer im Kreis drehenden Feedback-Loops: aufbauender Gedanke, vernichtender Gedanke, Selbstverurteilung, und wieder von neuem.
Immer wieder dissoziiere ich, stelle mir für einen Moment allein nur die Wärme einer schönen Umarmung vor, oder wie man sich nach dem Aufwachen einander in die Augen schaut und einfach alles um sich herum vergisst, nur um im nächsten Moment fröstelnd wieder die Augen zu öffnen.
Weltumspannende Computersysteme entwickeln, Compliance und Steuern für Großbanken – easy. Alles Kinderkacke, alles nur Formalismen. Kaum irgendwo ist die strikte, vollständig berechenbare Unterteilung zwischen “richtig und falsch” so essentiell wie dort, und das kann auch durchaus befriedigend sein, wenn am Ende alles zusammenpasst und funktioniert. Aber der derzeitige Mangel an Verständnis und Liebe ist definitiv die größte psychische Belastungsprobe, die ich bislang in meinem Leben hatte. Gerade heute fühlt es sich wieder wie das Rütteln an unsichtbaren Gitterstäben an, als wäre ich “gefangen in meiner eigenen Freiheit”, die Sehnsucht so klar vor Augen, und dennoch bin ich hier allein schon beim ersten nächsten Schritt völlig planlos. Ich habe primär drei mehr oder weniger ungesunde Dopamin-Keulen in meinem Leben, die ich regelmäßig nutze; ohne die würde sich mein Geist in der endlosen Stille und mit seinen nicht enden wollenden Feedback-Loops nur noch mehr zermalmen. Ich ertrage das alles schon lange nicht mehr, ohne es künstlich zu unterdrücken, und so flüchte ich mich dann lieber in abstrakte Recherchearbeit, analytische, technische Detailarbeit, stumpfe YouTube-Videos (viel Minecraft und Wissenschaftsvideos) oder in “Gooning”.
Und am schlimmsten ist ja, dass ich genau weiß: Absolut nichts, von dem, was ich wirklich erreichen will (also wenn endlich der letzte Bildschirm zertrümmert ist und ich endlich komplett offline gehen und den ganzen zermürbenden, entmenschlichenden Dualismus hinter mir lassen kann), ist möglich ohne andere Menschen. Alles in meiner Philosophie dreht sich um Verbindung, Wärme, Vertrauen, Liebe und gemeinsames Erblühen. Menschen stehen immer im Zentrum. Soziale Netzwerke haben die Grundsubstanz des Menschseins selbst, die menschliche Verbindung, in ihre verfaulten Bits und Bytes gegossen, und ihre inzwischen alten und kaputten Computersysteme legen die gesamte Gesellschaft lahm, mich inklusive. Dieses Bürokratie-Projekt ist derzeit mein letzter Strohhalm, um mit den Fähigkeiten, die ich habe, irgendwas Sinnvolles anzufangen.
Meine beste Freundin hier in Stockholm, mit der ich auch bei dem Rave war, sagt immer, andere hätten mich noch gar nicht erkannt und würden mich total unterschätzen. Ist ja auch klar, ich sag ja auch nie was darüber. Aber wie soll man auch darüber reden? Ich suche ja gar nicht unbedingt Leute, die dasselbe machen, sondern die erkennen, dass ihre eigene(n) Leidenschaft(en) komplementär zu meinen sein könnten, d.h. 1+1=3, d.h. sich gegenseitig ergänzen und wo der eine Traum gemeinsam mit dem anderen Traum besser und/oder schneller wahr wird, anstatt wenn beide in Isolation arbeiten würden. Ich will keine Frau, die sich als “Anhängsel” des Mannes versteht oder die Sex als notwendige Pflicht versteht und ihrem Partner für jeden Lustausdruck puren Hass entgegenwirft, sondern die mich genau so sehr inspiriert, liebt und geil auf mich ist, wie ich auf sie. Aber wer würde schon Interesse haben an jemandem, der seinen wohl leicht autistischen Hyperfokus und seinen nicht zu bändigenden Erschaffenswillen auf das ekelhafteste Thema unserer Zivilisation angesetzt hat (eben Bürokratie), und zu dumm oder unkreativ ist für irgendwas anderes.
Für 2026 wünsche ich mir, endlich wieder mehr rumzukommen. Seit meinen zentralen “Henophilia”-Einsichten, besonders seit Juni 2024, die sich damals regelrecht prophetisch angefühlt haben, bis hin zum jetzigen Punkt, wo ich nach praktisch pausenloser Arbeit diese abstrakte Philosophie endlich in konkrete realisierbare technische Action Items verwandeln konnte, habe ich mich ziemlich viel isoliert, bis auf ein paar Wochen in Portugal im März und April diesen Jahres (was aber ein ziemlicher Reinfall war), und dass ich seit Oktober öfter in der Uni in Lüneburg bin. Ich hätte sowieso nicht gewusst, wo ich sonst hingesollt hätte. Aber das muss sich ändern. Je mehr Zeit ich auf meinem elterlichen Bauernhof in dem winzigen Dorf verbringe, wo ich aufgewachsen bin, desto surrealer, bodenloser, endloser, fraktalartiger fühlt sich alles an. Dorfleben ist für mich genau das Gegenteil vom Klischee, also nicht gemütlich und warmherzig, sondern kaum anders als wenn man in einem viel zu großen einsamen Wald ausgesetzt werden würde. Ich habe ein eigenes Auto, genug Geld, arbeite komplett remote. Absolut nichts hält mich an diesem Ort, außer die Planlosigkeit, welcher Ort mir besser tun würde, sodass ich da Tag um Tag wieder versacke.
Irgendwie widerstrebt es mir, meinen demonstrativen, fast schon trotzigen Missmut in diesem Artikel bis zum Ende durchzuziehen.
Daher möchte ich stattdessen nach Hilfe fragen: Kennt ihr Orte oder Veranstaltungen, die auch nur ansatzweise zu irgendwelchen der genannte Themen passen? Oder irgendwelche anderen Tipps?
Gerne auch privat per Mail (oder auch einfach Newsletter weiterleiten) an julian@hermesloom.org.
Ich wär super dankbar für alles.
Liebe Grüße :)


Wenn ich Deinen Text so lese denke ich an ein buddhistisches retreat, eine aktive Auszeit als Gegenpol zu Deinen sonstigen Aktivitäten… , nur so der Gedanke der mir als erstes einfällt