In Zeiten von Politikerinnen und Politikern, die wiederholt durch enorme Inkompetenz auffallen, beispielsweise Friedrich Merz oder Philipp Amthor, ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie der nächste grundsätzliche politische Schritt in der Geschichte der Menschheit aussieht. Technologien wie Computer, das Internet und KI haben die Möglichkeiten, Daten zu verarbeiten, in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich verändert, doch die Mechanismen des Staates sind praktisch unverändert geblieben. In diesem Konzeptdokument wird erläutert, wie bestehende Strukturen neu gedacht werden können, damit sich unsere Gesellschaft in Richtung mehr Freiheitlichkeit, mehr Vielfalt und mehr Gerechtigkeit entwickeln kann.
Was ist ein Staat?
Ein Staat, auch Nation genannt, ist primär ein kultisches Objekt. Jenes Objekt umfasst diverse Merkmale wie Name, Flagge, Nationalhymne sowie eine Menge abhängig beschäftigter Menschen, die zur Aufnahme in den Staatsdienst einen Eid schwören und sich so verpflichten, im Idealfall den Gesetzen dieses Staates Folge zu leisten.
Jeder Staat benötigt den Zwang, um zu überleben. Das Mindestmaß an Zwang dreht sich dabei um die Steuern, also notwendige Geldzahlungen, die auf dem Staatsgebiet wirtschaftlich tätige Personen entrichten müssen. Der Staat besitzt dabei das Gewaltmonopol, das heißt, jene Menschen im Staatsdienst beanspruchen für sich das exklusive Recht, Gewalt im Rahmen der geltenden Gesetze straflos auszuüben.
Auf praktischer Ebene ist ein Staat ein Verwaltungsobjekt. Laut Hans J. Wolff ist Verwaltung “mannigfaltige, zweckbestimmte, idR organisierte, fremdnützige und verantwortliche, nur teilplanende, selbstbeteiligt ausführende und gestaltende Wahrnehmung von Angelegenheiten, insbesondere durch Herstellung diesbezüglicher Entscheidungen”. Verwaltung ist dabei nicht exklusiv dem Staat vorbehalten. Auch Unternehmen müssen verwaltet werden, und Gruppen können sich selbst verwalten. Die Verwaltung kann dabei alles sein, was gemäß definierter Regeln abläuft, vom Aufaddieren von Ressourcenbeständen im Kleinen bis hin zur Verwaltung von internationalen Großunternehmen oder Nationalstaaten im Großen.
Derzeitige Funktionsweise
Zunächst soll das Gegenteil des Pluralismus bestimmt werden, dies ist die derzeitige Welt: An der Spitze steht ein Staatsoberhaupt, das für sich beansprucht, den gesamten Staat zu repräsentieren. Gleichzeitig gibt es ein Parlament aus wenigen hundert Personen, die für sich beanspruchen, den Willen des Volkes in die Gesetzgebungsprozesse einfließen zu lassen, während diese Personen in Wahrheit primär wohlhabenden Gesellschaftsschichten entstammen. Ernsthafte Bestrebungen, alle Menschen der Gesellschaft anzuhören, gibt es nicht. Die Stimmen von nicht volljährigen Personen werden vollständig vernachlässigt und unter verschiedenen Vorwänden wird ihnen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres glaubhaft gemacht, dass sie nicht reif oder intelligent genug wären, um am politischen Diskurs teilzuhaben. Bildung ist ebenfalls ein Verwaltungsobjekt, das zentralistisch ausgeübt wird (bspw. von Bundesländern) und in dem der Fokus auf Arbeit liegt, bei dem es “richtig und falsch” gibt. Sowohl der Staat als auch staatsnahe, regulierte Institutionen wie Banken oder Versicherungen beanspruchen für sich die Treuhandschaft der Daten, die über die Menschen gespeichert werden.
Missachtung der Gesetze wird nicht mit Unterstützung zur Besserung beantwortet, sondern mit physischer und psychischer Gewalt, Abschreckung und Erzeugung von Verfolgungswahn, in Form der Strafverfolgung. Das Menschenbild ist grundsätzlich negativ. Ausbeutung und Erniedrigung werden mit Argumenten wie dass Menschen außerhalb von Machtpositionen nicht intelligent genug wären, um Verantwortung zu übernehmen, als notwendig zum Funktionieren jener hierarchischer Machtstrukturen dargestellt. Das System dient letztlich dem Transfer von Geld und Macht in den Besitz jener, die das meiste Selbstbewusstsein haben.
Der Einfluss des Großteils der Menschen auf die Legislative beschränkt sich auf ein oder zwei Kreuzchen alle paar Jahre. Wer mehr Einfluss ausüben möchte, muss dafür sehr viel Zeit aufwenden, bis hin zur Berufspolitik. Das Parlament funktioniert lediglich repräsentativ, wo Abgeordnete nach ihrer Wahl frei entscheiden können, welche Meinungen sie vertreten; eine Verbindung zu den Meinungen der Menschen aus ihren Wahlkreisen braucht nicht zu existieren. Zudem besteht die Politik aus Parteien, also effektiv nur den Meinungen einer Handvoll Vorstände, denen die anderen Parteimitglieder im Großen und Ganzen Folge zu leisten haben. Auf die Exekutive und die Judikative hat das Volk keinen direkten Einfluss.
Die Verteilung von Steuergeldern ist Aufgabe des Parlaments, wobei das Endergebnis ein Haushaltsplan ist. Das bedeutet, dass zwar praktisch alle Menschen, die innerhalb des Staates in irgendeiner Weise wirtschaftlich tätig sind, zu den Steuereinnahmen beitragen, allerdings effektiv nur wenige hundert Menschen am Ende über die Verteilung entscheiden. Die Flexibilität dieses Modells ist überaus gering und dient primär dem Machterhalt jener, die bereits viel Macht haben.
Der Zugang zu vielen bedeutsamen Verwaltungsleistungen steht primär lediglich solchen Menschen offen, die bereits viel Geld haben und Verwaltungskräfte wie Buchhalter, Anwälte, Steuerberater und Ähnliche bezahlen können. Je mehr diesen bezahlt wird, desto einfacher wird es, den eigenen Willen durchzusetzen und insbesondere keine Steuern zu zahlen. Jene Verhaltensweisen werden als besonders intelligent angesehen, sodass jene Listigkeit und Gerissenheit in der Gesellschaft als sehr hoch und erstrebenswert angesehen wird. Arbeitnehmertum ist die Norm, das heißt jene Praktik, bei der Menschen für ihre geleistete Arbeitszeit bezahlt werden, anstatt an dem Wert teilzuhaben, den diese Arbeit dem Unternehmen bringt, sodass die Anteilseigner des Unternehmens diese Differenz für sich beanspruchen. Selbstständigkeit ist die Ausnahme und den meisten Menschen wird bereits von Kindesalter an vermittelt, dass sie lediglich dazu fähig sind, als Arbeitnehmer die Visionen ihrer Chefs in die Welt zu tragen, anstatt selbst ihre Träume zu verwirklichen.
Pluralistische Verwaltung
Eine pluralistische Verwaltung legt hingegen den Fokus auf den Menschen. Nicht mehr ein abstraktes Gebilde wie der Staat wird als “Souverän” behandelt, sondern jeder Mensch ist gleichberechtigt souverän. Die Unterwerfung unter Hierarchien wird nicht mit der Geburt begründet, sondern folgt dem FRIES-Prinzip, bei dem das Einverständnis nach folgenden Maßstäben erfolgt:
freely given (freiwillig gegeben)
reversible (widerruflich)
informed (informiert)
enthusiastic (enthusiastisch)
specific (spezifisch)
Die Speicherung von Daten in elektronischen Medien erfolgt auf eine solche Art und Weise, wo die physische Lagerung der Daten zwar auf einem von Fremden kontrollierten Server erfolgen kann, jedoch dies auf jeden Fall verschlüsselt erfolgen muss. Der Schlüssel für die Entschlüsselung und den Zugriff auf die Daten wird dabei ausschließlich von der Person selbst kontrolliert. Externe können folglich nicht mehr “durch die Hintertür” Zugriff auf die Daten bekommen, sondern müssen das Medium mit dem privaten Schlüssel physisch entwenden. Durch die Rückkehr zu souverän selbstverwalteten Einheiten zur Datenverarbeitung wird die Relevanz von Rechenzentren und Technologieunternehmen minimiert.
Die Aggregation von Meinungen wird nicht mehr der subjektiven Filterung von Berufspolitikern überlassen, sondern eine pluralistische Verwaltung setzt alles daran, die Stimmen von so vielen Menschen wie möglich mittels modernster technologischer Möglichkeiten gleichberechtigt zu hören. Allen Menschen wird eine Möglichkeit bereitgestellt, damit sie ihre Wünsche kundtun können. In der Folge werden fortgeschrittene Methoden zur Verarbeitung natürlicher Sprache eingesetzt, um diese Wünsche zu aggregieren und öffentlich sichtbar zu machen. Basierend darauf werden die Steuergelder verteilt: nicht mehr gemäß “haben wir ja schon immer so gemacht”, sondern als Optimierungsproblem, bei dem hochmoderne, auf Quantencomputern basierende Optimierungsalgorithmen eingesetzt werden, um den Bedürfnissen der Menschen nachweisbar maximal gerecht zu werden.
Während derzeitige Staaten primär militärisch geprägt sind, also sich bis hin zur Bundesregierung stets auf “den Vorgesetzten” berufen wird, wird im Rahmen der pluralistischen Verwaltung schon im Kindesalter die Eigenverantwortlichkeit geübt sowie die Fähigkeit, die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu erkennen und entsprechende Wünsche in Worten zu formulieren. Die Verteilung von Budgets erfolgt umgekehrt zu den derzeitigen Staaten. Während derzeitige Staaten die Entscheidungen über den Haushalt so weit oben wie möglich treffen wollen, wird in der pluralistischen Verwaltung so weit unten wie möglich angesetzt: beispielsweise Schülerinnen und Schüler und Lehrpersonal entscheiden gleichberechtigt über das Budget für ihre Schule.
Die Interaktion mit der Verwaltung, also die Bürokratie, wird, basierend auf der personenzentrierten Datenspeicherung, überaus intuitiv und zielführend gestaltet. Regeln zur Interaktion mit Formularen werden in einem international vereinheitlichten Format definiert und dezentral mittels einer Wikipedia-ähnlichen Struktur gepflegt, sodass alle Menschen denselben hochqualitativen Zugang zu Verwaltungsleistungen haben. Eine bedeutsame Folge dessen ist, dass die Selbstständigkeit die Norm ist, also die Wirtschaftstätigkeit primär aus vielen Kleinstunternehmen besteht, die alle in Kooperation auf Augenhöhe ihre Innovationen in die Welt tragen können. Kommerzielle Anbieter für Verwaltungssoftware wie für Steuererklärungen, ERPs usw. braucht es nicht mehr, da alle dieselbe Qualität an Verwaltungsleistungen in Anspruch nehmen können, ohne bürokratische Prozesse als Hürden zu erleben.

