Die formularlose Welt
Und: Wald- und Feldkulte
Die formularlose Welt ist eine Welt, die jener ähnelt, wie die der Ureinwohner Nordamerikas vor der Kolonialisierung, oder jener der vorchristlichen Völker Nord- und Mitteleuropas, mit einem grundlegenden Unterschied: Wenn wir basierend auf dem heutigen Zustand in die Zukunft schauen, wäre diese Welt auch eine radikale Trennung. Die Menschen damals haben nicht geschrieben wie wir heute. Doch natürlich würden wir, als Zivilisation die Fähigkeit zu schrieben nicht einfach verlieren.
Das heißt, man würde nur noch “aus Spaß” lesen und schrieben (also bspw. aus Neugier und Drang zu lernen, Liebesbriefe lesen und schreiben usw.). Wir würden folglich trennen zwischen dem, was man gerne liest und schreibt und dem, wo man es nur aus Pflichtbewusstsein tut.
Formular-Fetischisten könnten weiterhin in ihren selbstgebauten Staaten mit über und über viel an Bürokratie und ewiger Benutzung des Faxgeräts leben. Doch das wäre dann, in jener Welt und bei jenen Menschen, eine ganz bewusste, lustgetriebene Entscheidung anstatt einer lästigen Pflicht, die allen auferlegt wird.
In jener Welt vertrauen sich die Menschen total. Formularwesen ist nicht mehr nötig, da auch Anwälte, Steuerberater und all die anderen, die monetär von exzessiven Regeln und Mangel des Vertrauens auf gesunden Menschenverstand profitieren, nicht mehr nötig sind. Nicht, weil plötzlich alle die Regeln können, sondern weil die Systeme, die die Regeln umsetzen, so gebaut sind, dass man einfach nichts mehr falsch machen kann.
Organisationsstrukturen würden mehr natürlichen Rhythmen entsprechen. Heutzutage sind die Seelen der Menschen zerrissen, da sie sich mit dem Internet bei TikTok teils mehrmals pro Sekunde in verschiedenen Welten befinden. In jener Welt beobachten die Menschen ihre natürliche Umgebung genau. Sie erkennen Baum und Vogel, können wohlschmeckendes von ungenießbarem Kraut unterscheiden, leben Landwirtschaft, leben liebevoll.
Das Internet funktioniert in jener Welt grundsätzlich anders. Während früher der Fokus auf großen Telekommunikationsanbietern lag, als Relikt der Zentralisierung aller Kommunikation beim Staat und der darauf in vielen Ländern erfolgten Privatisierung, herrschen in jener Welt peer-to-peer-Verbindungen vor. Es gibt keine verschiedenen Anbieter mehr, sondern der Betrieb und die Wartung der Kabel wird ebenso peer-to-peer abgewickelt wie aller Geldverkehr sowie geteilte vertragliche Verpflichtungen. Der “Kernel”, der in einer sicheren Verarbeitungseinheit häufig im Zuhause der Menschen läuft, ist die “Engine” (vergleichbar mit einer Spiele-Engine) für alles, was noch durch gespeicherte Daten ausgedrückt werden muss.
Staaten gibt es in jener Welt nicht mehr. Die Idee der Nation hat sich erübrigt, denn wieso diese künstlichen Grenzen?
In jener Welt braucht man sich keine Gedanken mehr zu machen, wo in der Welt man ist. Grenzen gibt es nur noch bei sozialen Interaktionen, nicht mehr gezogen basierend auf irgendwelchen alten König- und Kaiserreichen oder Sprachgrenzen. Alle Menschen, unabhängig von ihren sprachlichen und sensorischen Fähigkeiten (bspw. Blinde, Taube usw.) erhalten exakt dieselbe Dienstqualität. Vielfalt an Sprachen wird aktiv gefördert.
Je System steht im Dienst der Menschen, nicht andersherum.
Nachdem ich bereits kürzlich Coyote’s Guide to Connecting with Nature entdeckt hatte, kam ich dadurch schnell auch auf ein anderes Buch: “Wald- und Feldkulte, Band I” von Wilhelm Mannhardt.
Wilhelm Mannhardt ist eine faszinierende Persönlichkeit, im Grunde die Gebrüder Grimm mal Tausend in einer Person: Ein Geschichtensammler und Geschichtenvergleicher.
Das Buch “Wald- und Feldkulte” beginnt mit folgendem (alles [sic!] aus einem Nachdruck der Ausgabe von 1904):
Grundanschauungen.
In dem ewigen Kreislauf, der die Atome aller irdischen Dinge umhertreibt und in welchem jeder, auch der festeste Körper, nichts anderes darstellt, als eine zeitweilige Form der unaufhaltsamen Bewegung, einen Strudel im Strome, ist trügendem Augenscheine nach dem Steine ein ruhiges Verharren gegeben. Von seiner Starrheit hebt sich unterscheidend der verhältnißmäßig schnelle und in regelmäßiger Wiederkehr nachweisbare Verlauf in der Veränderung organischer Bildungen ab. Alle lebenden Wesen vom Menschen bis zur Pflanze haben Geborenwerden, Wachstum und Tod miteinander gemein und diese Gemeinsamkeit des Schicksals mag in einer fernen Kindheitsperiode unsers Geschlechts so überwältigend auf die noch ungeübte Beobachtung unserer Voreltern eingedrungen sein, daß sie darüber die Unterschiede übersahen, welche jene Schöpfungsstufen von einander trennen. ¹
Die Anerkennung der Gleichartigkeit ging so weit, daß manche Völker die ersten Menschen aus Bäumen oder Pflanzen gewachsen oder geschaffen annahmen; noch in historischer Zeit verfügt die Sprache und naturwüchsige Dichtung der meisten Nationen über einen mannigfaltigen Vorrat von schönen Vergleichen des animalischen und des vegetabilischen Lebens, welche teils als zerbröckelte Trümmer uralter, auf das naive Bewußtsein der Identität gegründeter Mythen anzusehen sind, teils die ursprünglichen ästhetischen, in Anschauung umgesetzten Empfindungen conservieren oder aus der Tiefe des Menschengeistes neu erzeugen, die auch jenen das Dasein gaben. Am häufigsten finden […]
1) Daß der Naturmensch den Unterschied von Geist und Körper noch wenig beachtet, sich mit seinen Nebengeschöpfen auf gleichem Niveau rangiert, nicht nur Menschen, Tieren, Pflanzen, sondern auch Steinen und Hausgeräten Seele und Wiederaufstehen im Jenseits zuschreibt, auf Tiere mit Stolz seine Ahnenreihe zurückleitet u. s. w. setzt A. Bastian in Steinthals Zeitschr. f. Völkerpsychol. V, 153 gut auseinander.
Kapitel 1.
Die Baumseele.
§ 1. Gleichsetzung des Menschen und der Pflanze.
Verschiedene Formen dieses Glaubens. Wir wenden uns zunächst der Betrachtung einer Reihe germanischer, lettoslavischer und keltisch-romanischer Anschauungen und Bräuche zu, welche ums darüber belehren, wie und in welcher Weise der Gedanke, daß die Pflanze beseelt sei, in Bezug auf die Bäume weiter und in mannigfachen Formen bis zu so völliger Gleichstellung mit den Menschen hinausgesponnen und entwickelt wurde, daß die einen so zu sagen als vollendete Doppelgänger der andern auftreten. Schon im anthropogonischen Mythus nehmen wir eine Art solcher Gleichsetzung wahr; eine andere äußert sich in der Behandlung des Baumes als persönliches Wesen. Die Identifizierung erstreckt sich zuweilen sogar auf eine imaginäre Verschmelzung der Körperlichkeit von Mensch (oder Tier) und Pflanze und führt zu der Annahme, daß der Baum der Körper einer durch den Tod dem Menschenleibe entrückten Seele, der Wohnsitz mehrerer Elfen oder eines Schutzgeistes sei, der wiederum kaum von einem alter ego des Menschen zu unterscheiden sein möchte. Zuweilen führt die Baumseele oder der Baumgenius auch schon ein Leben außer dem Baumleibe in Sturm und Un-wetter, in Wald und Feld. Da wir die in diesen Ueberlieferungen sehr scharf und deutlich zu Tage tretenden Verhältnisse später einmal vorzugsweise zum Verständniß von Korngeistern vergleichend zu nutzen gedenken, gestatten wir uns hier bereits gelegentlich von selbst aufstoßende Uebereinstimmungen der Baumsage mit dem an das Getreide geknüpften Volksglauben vorzumerken. Und auch das möge den Leser nicht stören, wenn er (da sich ein anderer Platz dazu nicht eignete) in die Darlegung des Baumglaubens nordeuropäischer Stämme nicht ganz selten auch einzelne Analogien aus fernen Ländern und Weltteilen eingeflochten findet. Es geschähe gegen unseren Willen, wenn durch Schuld dieser Einschaltungen das Bild des nordischen Baumkultus sich in einen verschwimmenden Allerweltsnebel auflösen würde. Wir stimmen vollkommen den goldenen Worten Th. Mommsens zu (Röm. Chronologie): „das über die Kluft der Nationen hinweggerichtete Auge erfaßt nur allzuleicht der Schwindel und man vergißt den wahren und hauptsächlichsten Grundsatz aller historischen Kritik, daß die einzelne historische Erscheinung zunächst im Kreise der Nation, der sie angehört, geprüft und erklärt werden soll und erst das Resultat dieser Forschung als Grundlage der internationalen dienen darf.” Insofern es sich aber bei unseren Zusammenstellungen zunächst noch nicht um die Darlegung irgend welcher historischen Verwandtschaft, sondern um die Beschreibung von Typen handelt, so bedienen wir uns desselben Vorteils, den etwa der Botaniker genießt. wenn er die Coniferen Europas und Amerikas miteinander vergleichen kann. Die Beobachtung gewisser gleicher Eigenschaften bei beiden macht klar, daß dieselben zum Wesen der Gattung gehören. Gleichartigkeit der Vorstellungen über den nämlichen Gegenstand in zwei verschiedenen Zonen läßt zumeist auf eine gewisse psychologische Notwendigkeit derselben schließen und die eine erläutert die andere. Nur als ein solches die Natur und den Sinn der nordeuropäischen Traditionen durch Analogie erläuterndes Material wünscht der Verfasser Einschiebsel aus der Fremde beachtet zu sehen.

